Wissen ist Einfluss: Wie man messen kann, wessen Gedanken wirklich wichtig sind.

Von Peter Gloor und Detlef Gürtler

Wer ist der reichste Mensch der Welt? Es kommt natürlich immer drauf an, was und wie man misst, aber mehr als eine Handvoll Kandidaten kommen für diesen Titel nicht in Frage. Wer ist der mächtigste Mensch der Welt? Ein Amerikaner, ein Chinese und ein Russe dürften hier wohl das Rennen unter sich ausmachen.

Und wer ist der einflussreichste Mensch der Welt? Wessen Ideen können Berge versetzen, wessen Geist die Welt verändern? Wer beeinflusst unsere Gedanken, Gefühle, Handlungen am ehesten? Da öffnet sich ein weites, weites Feld. Von Vladimir Putin bis Lady Gaga, von Aristoteles bis Warren Buffett, von der kleinen Malala Yousafzai bis zum grossen Elon Musk – alle könnten Einfluss auf Sie haben und einige haben es wohl auch. Aber wer am meisten?

Einfluss: Bottom-up statt top-down

Die Ideen-Welt im digitalen Zeitalter ist zu divers und überbordend, um einfach nach dem äusseren Status eines Intellektuellen und dessen Thema zu fragen. Es gibt weder Hofpoeten noch Chefdenker. Wer wirklich einflussreich ist, entscheiden nicht mehr die Eliten und Leitmedien allein, sondern die breite Öffentlichkeit selbst – die Einflusspyramide dreht sich um. Es kommt also gleichermassen auf die Position innerhalb der digitalen Welt an.

Um diese zu messen, können wir nicht einfach Sie fragen. Das heisst: Bei Ihnen persönlich ginge das schon – wen betrachten Sie als besonders prägend für Ihr Leben? Und warum? Aber würden wir das mit allen machen, mit einer Online-Umfrage zum Beispiel, bekämen wir nur heraus, wessen Anhänger sich am besten zur Teilnahme an Umfragen organisieren lassen. Päpste jeder Couleur, ob Klima-, Sprach-, Literatur- oder echter Papst, können bei solchen Anlässen auf treue Anhänger zählen, auch Gurus gibt es reichlich da draussen. Und natürlich Trolle – sie schafften es beispielsweise im Jahr 2009, beim Online-Voting des «Time Magazine» Christopher Poole zum einflussreichsten Menschen der Welt hochzuwählen, den damals 21jährigen Gründer der Hacker-Webseite «4chan».

Netzwerk schlägt Voting

Manche Medien haben eine elegantere Variante der Umfrage gewählt: Sie fragen nicht alle Menschen, sondern eine Experten-Jury. Das verhindert Peinlichkeiten wie den «4chan»-Hack und führt in der Regel zu Ergebnissen, die den Redakteuren des jeweiligen Mediums plausibel vorkommen – schliesslich haben sie ja auch, die Jury ausgewählt. Das Jury-Ergebnis, so einleuchtend es auch sein mag, ist deshalb zwangsläufig subjektiv.

Am Gottlieb Duttweiler Institut haben wir deshalb für die Suche nach den einflussreichsten Menschen der Welt einen anderen Weg gewählt: Wir messen das Gewicht ihrer Stimmen im globalen Gespräch.

Wer die Gedanken der Menschen bewegt, muss Spuren in ihren Kommunikationen hinterlassen. Und für den Teil dieser Kommunikationen, der öffentlich zugänglich ist, lässt sich messen, wie zentral einzelne Personen darin sind. Dafür verwenden wir die Coolhunting-Software «Condor» der Firma Galaxyadvisors. Diese Netzwerk-Analyse-Software misst nicht einfach wer am «lautesten schreit» (also die meisten Likes oder Follower hat), sondern berechnet, wie stark die Beziehungen zwischen Personen sind. Die Betweenness Centrality misst die potentielle Kontrolle eines Knotens über das, was im Netzwerk fliesst – wie oft liegt dieser Knoten auf dem Pfad, der andere Knoten miteinander verbindet? Closeness Centrality misst, wie leicht ein Knoten auf das Netzwerk zugreifen kann – wie schnell und über wie viele Ecken kann dieser Knoten alle anderen im Netzwerk erreichen? In unserem Fall wurden die Beziehungen von mehr als 600 Kandidaten aus aller Welt in drei Teilbereichen der englischsprachigen Infosphäre gemessen: bei Wikipedia, bei Twitter, und im Web.

Social Network Measures

Kandidaten-Kriterien

Nicht jeder Mensch, der auf uns Einfluss hat, kann Kandidat bei der Suche nach den einflussreichsten Menschen der Welt werden. Als Thought Leader, so die GDI-Definition, kommen lebende Personen in Frage, die vorwiegend als Denker agieren und über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich sind. Diese Definition ermöglicht in den allermeisten Fällen eine klare Entscheidung: Aristoteles scheidet aus, weil tot, Lady Gaga, weil nicht vorwiegend als Denkerin agierend. Aktive Politiker werden nicht in den Kandidatenkreis aufgenommen, weil sich ihr Einfluss nicht so sehr aus ihrem Denken, sondern aus ihrem Handeln speist, genau wie bei Managern und Unternehmern. Allerdings gibt es immer wieder Grenzfälle: Was ist mit ehemaligen Politikern wie Al Gore oder Yanis Varoufakis? Was mit Microsoft-Gründer Bill Gates? Und was mit visionären Unternehmern wie Elon Musk, die weniger durch ihre Produkte, als vielmehr durch ihre Visionen einflussreich sind? Der Physiker Stephen Hawking ist über sein Fachgebiet hinaus bekannt und wirksam – gilt das auch für den Ökonomen Paul Krugman? Agieren Architekten eher als Denker oder als Macher? Jede Entscheidung in solchen Grenzfällen ändert den Kandidatenkreis, und damit auch das Gesamtresultat.

Einfluss stösst an Sprachgrenzen

Beginnend mit dem Jahr 2014 wurden neben den Global Thought Leader Ranglisten auch Einfluss-Erhebungen für andere Sprach- beziehungsweise Kulturräume durchgeführt. Zwar wird das Englische in weiten Teilen der Welt als eine Art Weltsprache verstanden und genutzt, aber innerhalb der anderen grossen Sprachen lassen sich Besonderheiten feststellen und messen. Dem Beginn mit der Analyse der deutschsprachigen Infosphäre folgten 2015 der spanische sowie der chinesische Sprachraum; dieses Jahr kam der arabische Raum hinzu – und die Schweiz. Die Untersuchungsmethoden sind dabei jeweils prinzipiell ähnlich, weichen allerdings im Detail voneinander ab: So werden beispielsweise in der arabischen Thought Leader Untersuchung soziale Medien höher gewichtet als die dort weniger bedeutende Wikipedia. Für China werden, insbesondere aufgrund der dort stark wirkenden Internet-Zensur, getrennte Wertungen für den Einfluss innerhalb und ausserhalb der chinesischen Landesgrenzen vorgenommen.

Qualitätsfragen

Die jeweiligen Platzierungen in diesen Ranglisten bezeichnen wir als «Influence Rank». Ähnlich wie bei Googles «Page Rank»-Begriff soll damit etwas messbar gemacht werden, was sich eigentlich der Messbarkeit entzieht: eine Qualität – in diesem Fall eine Einfluss-Qualität. Die Frage nach der Qualität wiederum dieser Messung stellt sich für Google deutlich häufiger (nämlich jeden Tag millionenfach durch die Aktionen von Nutzern und Suchmaschinenoptimierern), aber auch für uns spielt sie bei der Kandidatenauswahl, der Untersuchung selbst sowie beim Feedback zu den Ergebnissen eine Rolle. Einige sich möglicherweise daraus ergebenden Kritikpunkte beschäftigen uns entsprechend schon seit einiger Zeit:

Wenn ein Jury-Urteil subjektiv ist, muss das auch für die Kandidatenauswahl der Thought Leader Untersuchung gelten.
Im Prinzip ja. Bei den ersten Tests dieser Methode haben wir auch erkannt, dass eine subjektive oder gar einseitige Auswahl zu entsprechend schiefen Ergebnissen führt. Dementsprechend stützen wir uns in den Jahren seither stark auf Vorschläge von Experten aus möglichst unterschiedlichen Regionen und Sparten des globalen Diskurses. Diese grössere Diversität führt zu objektiveren Ergebnissen – ohne für sich hundertprozentige Objektivität in Anspruch nehmen zu können.

Was nicht im Internet stattfindet, wird nicht gemessen.
Stimmt. Es werden auch Gespräche nicht gemessen, die in Ecken des Internets stattfinden, die von aussen nicht messbar sind – Facebook oder Whatsapp beispielsweise. Der für uns messbare Ausschnitt ist allerdings der für intellektuelle Debatten relevanteste Teil. Relevante Diskurse ohne Widerhall bei Online-Medien, Blogs oder Wikipedia sind heute kaum noch vorstellbar.

Man könnte Auswahlkriterien und Gewichtung auch ganz anders machen.
Stimmt. Versuchen wir auch jedes Mal wieder. Und diskutieren dann die Ergebnisse. Wenn sich dabei zum Beispiel ergäbe, dass der Links-Linguist Noam Chomsky die zweiteinflussreichste Person der Welt wäre, erschiene uns das Ergebnis als so unplausibel, dass wir diese Gewichtungsmethode nicht weiter verwenden. So wie der Page Rank von Google ist eben auch der Influence Rank des GDI nicht vor Manipulations- und Beeinflussungsversuchungen gefeit – wenn auch natürlich in weit kleinerem Ausmass.

 

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Einfluss ist Macht
«Thought Leadership» – Geschichte und Zukunft
Quellen